Ballett der Natur

Ver├Âffentlicht von

Eine Kurzgeschichte von Aliya, Q11

Dann.

Tropf, tropf, tropf.

Eimer voll Wasser.

Es sch├╝ttete wie aus K├╝beln, das Wasser krachte geradezu auf den durchsichtigen Regenschirm und erzeugte Schlieren auf seiner Oberfl├Ąche, die wie B├Ąche hinunter liefen, um mit dem restlichen Regenwasser auf dem Boden zu landen.

Sie sa├č, die Beine nebeneinander gestellt, die Kn├Âchel leicht ├╝berkreuzt, auf einer Bank, blau bestrichen mit etlichen Stellen, an denen der Lack schon abbl├Ątterte, abgekratzt wurde oder mit Graffiti ├╝berdeckt worden war, das lediglich die Initialen des Misset├Ąters beinhaltete und ansonsten keinen tiefgr├╝ndigeren Grund zu beherbergen schien.

Das Gewitter hatte einen leichten Anlauf genommen, hatte sich aufw├Ąrmen m├╝ssen, bevor es mit voller Lautst├Ąrke losgelegt hatte.

Die B├Ąume bogen sich, als w├╝rden sie ein Ballett allerh├Âchster Klasse auff├╝hren, ihre Bl├Ątter rauschten, als w├╝rde der Applaus schon toben und der Wind heulte ├╝ber die breiten Grasfl├Ąchen, die die geraden Wege umgaben.

Noch nicht einmal Schnecken oder Regenw├╝rmer trauten sich auf die Kieswege, aus Angst, von den Tropfen, die so stark wie Hagelk├Ârner vom Himmel fielen, erschlagen und in zwei geteilt zu werden.

Sie war also alleine.

Alleine auf dieser Bank, die schutzlos dem Unwetter ausgeliefert war, welches letztendlich doch nichts gegen die Initialen der Graffitischurken ausrichten konnte.

Und sie w├╝nschte sich, es w├Ąre nicht so.

Sie hatte zwar Freunde, die mit ihr im Regen sitzen w├╝rden, Freunde, die mit ihr den wilden Tanz der Natur betrachten w├╝rden, Freunde, mit denen sie ihre Gedanken teilte, und dennoch…

Sie hatte auch Familie.

Hatte Leute, die sie in den Arm nahmen, wann immer sie wollte, Menschen, deren Geruch f├╝r sie immer ein sicherer Hafen sein w├╝rde.

Der Wind, der sich unter dem durchsichtigen Regenschirm fing, wirbelte ihre Haare auf und zerzauste sie.

Ihre blonden Haarstr├Ąhnen, die weder dick noch d├╝nn, weder kurz noch lang, weder sch├Ân noch h├Ąsslich waren.

Der Grund daf├╝r, dass sie alleine war und sich auch alleine f├╝hlte, lag nicht in einem Mangel an freundschaftlicher oder famili├Ąrer Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe.

Sie f├╝hlte sich alleine, da sie niemanden hatte, der mit ihr in diesem Wetter sa├č, um ihr Geschichten zu erz├Ąhlen, einfach nur zu Schweigen oder ihr zuzuh├Âren.

Niemanden, der w├Ąhrenddessen ihre Hand halten w├╝rde.

Niemanden, der ihre Finger mit seinen eigenen verschr├Ąnken und mit dem Daumen ├╝ber ihren Handr├╝cken streichen w├╝rde.

Niemanden, wegen dem sie rot anlaufen und verlegen sein w├╝rde, niemanden.

Die Person, die ihr Herz zum Klopfen brachte, ihre Knie zum Schmelzen und ihre Lippen zum L├Ącheln, die hatte sie nicht.

Sie hatte sie noch nicht getroffen, die Person, die sie ansah, als w├Ąre sie eine einzigartige Rarit├Ąt, die Person, der sie die H├Ąnde in den Nacken legen konnte.

Manchmal lag sie abends im Bett und krallte ihre Finger fest in das Kissen mit dem Wunsch, jemanden zu haben, der mit ihr kuscheln und sie beim Schlafen halten w├╝rde.

Sie las zu viele Liebesgeschichten, Kussszenen spukten in ihrem Kopf herum und sie w├╝rde manchmal am liebsten auf das Kissen einschlagen.

Sie wollte auch so gek├╝sst werden. Sie wollte auch erleben, was alle Figuren in B├╝chern erlebten, sie wollte das auch sp├╝ren.

Der Regen begann langsam, ihre Schuhe zu durchdringen und ihre Socken nass zu machen, w├Ąhrend sie seufzte und den Schirm um seine eigene Achse drehte, sodass die Regentropfen in alle Richtungen flogen und im Regenguss um sie herum verschwanden.

Sie wollte einfach nur jemanden haben, der sie auf diese Weise mochte.

Jemanden, der ihr sagen w├╝rde, dass sie h├╝bsch war, jemanden, der sie in den Arm nahm, jemanden, vor dem sie sich in keinster Weise verstellen musste, jemanden, der sie k├╝sste, jemanden, der ihr einfach seine Liebe schenkte.

Sie seufzte abermals und strich sich eine blonde Haarstr├Ąhne hinters Ohr.

Auf irgendeine merkw├╝rdige Weise f├╝hlte sie sich hohl.

Leer.

Ohne Inhalt.

Sie hatte nich nicht einmal eine Person, bei der ihr Herz begann, zu klopfen.

Hatte niemanden, von dem sie tr├Ąumen konnte.

In dieser Hinsicht war ihre Welt grau.

Einsam.

Sie erinnerte sich noch nicht einmal mehr an das Gef├╝hl der Aufregung, wenn ihr Schwarm in der N├Ąhe war.

Erinnerte sich nicht mehr daran, wie es war, aus so einem Grund rot zu werden.

Alles weg.

Was zur├╝ck blieb, war Einsamkeit, Leere.

Hohl.

Langsam lie├č sie den durchsichtigen Regenschirm zur Seite kippen, bis sie ihn auf den Boden warf, die Augen geschlossen und ihr Gesicht dem Himmel zugewandt.

Regentropfen prasselten ihr ins Gesicht, durchn├Ąssten sie innerhalb von Sekunden bis auf die Haut.

Leise entkamen ihr ein paar kleine Tr├Ąnen, Tr├Ąnen der Frustration, der Wut, des Unverst├Ąndnisses.

Der Einsamkeit.

Doch, was brachte es, sich selber zu bemitleiden?

Es w├╝rde doch eh nichts an der Situation ├Ąndern.

Es w├╝rde die Tatsache, dass sie abends ein Kissen umarmte und sich von einem gro├čen Teddyb├Ąren umarmen lie├č, um den Schein zu wecken, da w├Ąre jemand, nicht ├Ąndern.

Gar nicht.

Bis sie auf diese eine Person treffen und sich trauen w├╝rde, sich ihr anzun├Ąhern, w├╝rde noch Zeit vergehen.

Viel Zeit.

Leise seufzte sie und stand mit einem

Schmatzen ihrer Klamotten von der blau bestrichenen Bank auf.

Nahm den Regenschirm vom Boden und hielt ihn wieder ├╝ber sich, wobei Regenwasser, das sich in ihm angesammelt hatte, auf sie klatschte.

Langsam drehte sie sich leicht auf der eigenen Achse, um dann den Weg nach Hause einzuschlagen.

Nass wie sie war lief sie unter dem durchsichtigen Regenschirm durch das Gewitter und beobachtete das Schauspiel um sich herum.

Bis ihr Blick auf einen Menschen fiel, der einsam und alleine auf einer blau bemalten Bank auf der anderen Seite des Weges etwas weiter weg sa├č.

Die Person schien einsam zu sein.

Alleine.

Also lief sie zu ihr hin├╝ber und setzte sich neben sie auf die klatschnasse, mir Graffitiinitialien bespr├╝hte Bank.

Die Person sah auf.

(Bild: iStockfoto: filipfoto)

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