Atlas

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Ein Beitrag für den Schreibwettbewerb „Die Feder des Kranichs“ von Alexander T., 5. Klasse

Kapitel I

Der Hauptsitz der Agentur ATLAS lag im teuersten Viertel der Stadt. Eine glatte Fassade aus Glas spiegelte den wolkenbedeckten Himmel wider, und das ganze Gebäude wirkte so makellos, dass man unwillkürlich langsamer wurde, wenn man davorstand. Über dem Eingang schwebte das Firmenlogo als dreidimensionales Hologramm. Die Buchstaben formten sich aus Licht, lösten sich lautlos wieder auf und erschienen im nächsten Moment erneut:

ATLAS

Ihr perfektes Leben beginnt hier

Wer glaubte, dass sein Leben in einem anderen Universum besser verlaufen könnte, wandte sich an ATLAS. Dort berechnete man Möglichkeiten, verglich Lebensverläufe, prüfte Risiken und suchte unter unzähligen Welten genau die eine, die am besten zu einem Menschen passte. Man nannte ATLAS auch die teuerste Hoffnung der Menschheit. Und das stimmte. Denn nur die reichsten Menschen konnten es sich leisten, ihren perfekten Ort in einem anderen Universum suchen zu lassen. Ich gehörte definitiv nicht dazu. Trotzdem wollte auch ich genau das. Ich wollte den einen Ort finden, an dem endlich alles stimmte. An dem ich nicht das Gefühl hatte, als wäre ich im falschen Film gelandet. Denn wenn es unendlich viele Welten gab, musste doch wenigstens eine darunter sein, in der alles leichter war. Einen Ort, an dem ich nicht nur kurz bleiben würde. Sondern irgendwann für immer. Deshalb stand ich an diesem kühlen, trüben Morgen vor ATLAS. Allerdings nicht als Kunde, sondern als Praktikant, da dies die einzige Möglichkeit für mich war, meinen perfekten Ort zu finden. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Noch nie zuvor war ich so aufgeregt gewesen. Als ich auf die gigantische Eingangstür zuging, glitt ein fast unsichtbares Scanfeld über mich hinweg. Ich spürte nichts, aber irgendwo über mir leuchtete für einen Augenblick ein schmaler blauer Streifen auf. Kaum hatte mich das Scanfeld erfasst, glitten die Türen lautlos auseinander.

In der riesigen Empfangshalle arbeitete kein Mensch. Der Boden glänzte so stark, dass sich das grelle Licht der Decke darin spiegelte. Zwischen hohen, hellen Wänden schwebten holografische Informationsflächen, die lautlos Zahlen, Namen und Weganzeigen einblendeten. Kleine Sitzinseln standen im Raum verteilt. Alles sah teuer aus, ruhig und so perfekt, dass ich sofort das Gefühl hatte, mit meinen billigen Schuhen nicht hierherzugehören. Unauffällig wischte ich meine feuchten Hände an der Hose ab und versuchte, so auszusehen, als wäre ich hier genau richtig. Humanoide Serviceroboter bewegten sich mit vollkommener Ruhe durch die Halle. Einige begrüßten Gäste, andere begleiteten Besucher zu den Aufzügen, wieder andere standen reglos an ihren Plätzen, als würden sie nur auf die nächste Anweisung warten. Noch bevor ich etwas sagen konnte, trat einer der Roboter auf mich zu. Er wirkte beinahe menschlich. Nur seine Bewegungen waren zu exakt und sein Gesicht zu makellos, um wirklich lebendig zu wirken. „Willkommen bei ATLAS, Alex Harper“, sagte er mit einer freundlichen, zugleich etwas kühlen Stimme. „Ihr Praktikum in der Abteilung für Universenanalyse beginnt in fünf Minuten und fünfundvierzig Sekunden. Bitte folgen Sie mir.“ Ich brachte nur ein kurzes Nicken zustande und ging ihm

hinterher. Er führte mich zu einem komplett durchsichtigen Aufzug. Ein kaum hörbares Summen ertönte, als sich die Türen öffneten. „Möchten Sie eine andere Aussicht?“, fragte der Serviceroboter. Ich sah ihn verwirrt an. „Normalerweise sieht man von hier die Stadt“, erklärte er ruhig, „aber ich kann die Projektion der Außenansicht verändern.“ „Ich habe die Stadt noch nie von oben gesehen“, antwortete ich, „ich würde die Aussicht gerne so lassen.“ Gemeinsam traten wir in den Aufzug. Sofort fiel mir auf, dass es in der geräumigen Kabine keinerlei Knöpfe gab. Ich wollte gerade fragen, wie man das Stockwerk auswählte, als sich meine Frage von selbst beantwortete. „Stockwerk einhundertneunundneunzig“, sagte mein humanoider Begleiter. Die Türen schlossen sich lautlos, und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Schon nach wenigen Sekunden begannen die Gebäude unter uns kleiner zu werden und die Straßen verwandelten sich in dünne Linien. Die Höhe war überwältigend. Ich hatte die Stadt noch nie aus dieser Perspektive betrachtet. Mir wurde ein klein wenig mulmig zumute. Doch gleichzeitig spürte ich, wie sich mein Herzschlag beruhigte. Als wir auf Höhe des einhundertsiebzigsten Stockwerks waren, wurde der Aufzug etwas langsamer. Erst jetzt bemerkte ich, wie unglaublich schnell wir eigentlich nach oben gefahren waren. „Dieses Gebäude hat zweihundert Stockwerke“, erklärte der Roboter. Kurz darauf hielt der Aufzug an, und die Türen glitten auseinander. Als ich hinaustrat, blieb ich einen Moment stehen. Gigantische Fenster zeigten die Stadt weit unter uns. Im Raum schwebten holografische Karten von Universen. Überall arbeiteten Roboter an Konsolen oder bewegten sich lautlos zwischen den Arbeitsstationen. Alles war in Weiß und Blau gehalten. Der ganze Raum wirkte strukturiert und organisiert. „Alex Harper!“ Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Hinter mir stand ein großer humanoider Roboter, gekleidet in einen eleganten weißen Anzug mit hellblauer Krawatte. „Willkommen in der Abteilung Universenanalyse“, sagte er, „ich bin für die Koordination der Praktikanten zuständig.“ Keiner von ihnen schien einen Namen zu haben. Vielleicht sollte ich ihn einfach den Koordinator nennen. Er reichte mir ein zusammengelegtes Set Kleidung: „Bitte ziehen Sie diese Arbeitskleidung an.“ Seitlich von uns glitt lautlos eine schmale Umkleidekabine auf. Ich zog mich dort schnell um. Es waren eine weiße Hose und ein weißes Hemd, beide mit schmalen hellblauen Streifen an den Seiten. Dazu gehörten auch Schuhe in Hellblau, passend zu den Streifen. Jetzt verstand ich, warum ich bei meiner Bewerbung meine genauen Maße und meine Schuhgröße hatte angeben müssen. Als ich wieder heraustrat, fragte der Koordinator: „Möchten Sie Ihre private Kleidung aufbewahren oder entsorgen lassen?“ „Ich würde sie gerne behalten“, antwortete ich schnell. Er nickte und faltete meine Sachen sorgfältig zusammen, nahm meine billigen, abgetragenen, dennoch äußerst bequemen Schuhe und öffnete eine kleine Klappe in der Wand. „Ihre Kleidung wird in unseren Aufbewahrungsraum transportiert.“ Dann wandte er sich wieder zu mir. „Bevor Sie Ihren Arbeitsplatz erhalten, müssen Sie unsere drei wichtigsten Regeln kennen.“ Er hob leicht die Hand und zählte auf: „Erstens: Eine Reise in ein anderes Universum ist endgültig. Eine Rückkehr in das ursprüngliche Universum ist nicht möglich. Zweitens: Für unsere Analysen und Beratungen besteht kein Anspruch auf eine Rückerstattung. Drittens: Die endgültige Entscheidung über einen Wechsel liegt immer beim Kunden. Unsere Aufgabe ist es nur, die bestmögliche Analyse zu liefern.“ Der Koordinator machte eine kurze Pause und sagte kühl: „Ihr Praktikum beginnt jetzt.“ Der Roboter, der mich im Aufzug begleitet hatte, führte mich durch den großen Raum. Wir gingen vorbei an Arbeitsstationen, holografischen Karten und mehreren Robotern, die konzentriert an ihren Bildschirmen arbeiteten. Schließlich blieb er an einem Tisch stehen. Der Tisch bestand aus

milchigem Glas. Als ich nähertrat, erschien darüber automatisch ein hochauflösender, schwebender Bildschirm. „Dies ist Ihr Arbeitsplatz“, sagte der Serviceroboter und ging fort. Kaum hatte ich meine Hand auf den Tisch gelegt, aktivierte sich die Benutzeroberfläche. Die Software erklärte Schritt für Schritt ihre Funktionen. Alles war erstaunlich intuitiv aufgebaut. Noch während ich mich orientierte, lief plötzlich eine Meldung über den Bildschirm: ERSTER KUNDE WARTET. Einen Moment starrte ich erschrocken auf die Anzeige. „Ein Kunde?“, sagte ich laut, „ich bin doch nur Praktikant.“ „Sie führen keine vollständige Beratung“, erklärte plötzlich eine ruhige, angenehme Frauenstimme. Ich blickte mich fragend kurz um, konnte jedoch niemanden sehen. „Ihre Aufgabe besteht darin, die erste Anfrage aufzunehmen. Die Analyse wird anschließend von unseren Systemen und Analysten überprüft.“ „Und wenn ich etwas falsch mache?“, fragte ich unsicher. „Das ist ausgeschlossen. Ihre Sitzung wird vollständig kontrolliert“, antwortete die Stimme ruhig. Ich sah mich immer noch neugierig nach der Quelle der Stimme um. Für einen Moment blieb es still, und ich begriff, dass die Stimme aus dem Computer kam. Die Stimme sprach weiter:

„Seit einiger Zeit wünschen sich immer mehr unserer Kunden ein erstes Gespräch mit einem Menschen. Die Entscheidungen, die hier getroffen werden, betreffen ein ganzes Leben. Manche Kunden sprechen darüber lieber mit einem echten Menschen als mit einem Roboter. Deshalb werden diese Kunden von menschlichen Mitarbeitern empfangen.“ Ich sah erneut auf den Bildschirm. Die Meldung glitt weiterhin vor mir: ERSTER KUNDE WARTET. Meine Hände wurden erneut feucht vor Aufregung. Es fühlte sich an, als würde ich gleich eine schwere Prüfung ablegen müssen. Obwohl ich sehr nervös war, beruhigte mich der Gedanke, dass ich so vielleicht schneller herausfinden würde, wo mein perfekter Ort liegt. Der Computer bemerkte meine Nervosität und die Stimme sagte: “ Kein Grund zur Sorge, Alex Harper! Setzen Sie diese Brille auf!” Eine Schublade an der rechten Seite des Tisches öffnete sich. Sie war hellblau beleuchtet. Auf einem weißen Polster lag eine Brille mit einem blauen Gestell und durchsichtigen Gläsern. Ich blickte zunächst verwirrt auf die Brille und dann auf den Computer. Er erklärte: „Diese Brille projiziert das, was Sie sagen und tun sollen, direkt in den Raum vor Ihnen. Der Kunde wird davon nichts bemerken.” Ich bedankte mich für die Brille und setzte sie auf. Sofort wurden mir Hinweise direkt in mein Sichtfeld eingeblendet. In dem Moment merkte ich, dass die blinkende Meldung ,,ERSTER KUNDE WARTET“ weiterhin über den Bildschirm lief. ,,Klicken Sie auf die Meldung“, sagte die Stimme ruhig. Ich klickte auf die Meldung und ein paar Augenblicke später öffneten sich die Aufzugtüren und der Begleitroboter führte eine elegante Frau zu meinem Arbeitsplatz. Sie war groß, schlank und trug ein schönes violettes Kleid. Ihr dunkelbraunes Haar war zu einem lockeren Knoten gebunden. Sie wirkte etwas nervös. Ein weißer, gemütlicher Sessel materialisierte sich. Die Frau begrüßte mich mit einem Lächeln und setzte sich: „Mein Name ist Alice Vector.“ Ein Serviceroboter erschien und stellte ein Glas Eisbergwasser auf den Tisch. „Für Sie, Frau Vector”, sprach er und fügte hinzu, ,,wenn Sie noch Wünsche haben, lassen Sie es mich wissen!” „Danke, ich brauche nichts weiter“, antwortete sie. Der Serviceroboter verabschiedete sich und ging wieder. Die Brille projizierte: „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?” in mein Sichtfeld. Es war hilfreich. Trotzdem war es merkwürdig, Worte zu sehen, noch bevor ich selbst entschieden hatte, was ich sagen wollte. Ich fand es passender, mich mit meinem Namen vorzustellen. Deshalb sagte ich stattdessen: „Hallo, ich bin Alex Harper, freut mich Sie kennenzulernen Frau Vector.” “Freut mich ebenfalls”, erwiderte sie. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte ich. „Ich suche einen Ort in einem

anderen Universum, in dem meine Theorie stimmt!”, antwortete Frau Vector. ,,Ich bin eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin und arbeite seit zehn Jahren an einer Theorie, für die ich bisher noch keinen Beweis finden konnte“, fügte sie mit leicht zitternder Stimme hinzu. Die Brille projizierte die genauen Angaben, die ich in das Programm eingeben sollte, in den Raum vor mir: Geschlecht, Alter, Beruf, Wunsch und vieles mehr. Scheinbar hatte Frau Vector bereits einen langen Fragebogen ausgefüllt. „Ich gebe jetzt Ihre Angaben in das System ein, damit ATLAS passende Universen berechnen kann“, erklärte ich und füllte alle markierten Felder im Programm aus. Wenige Sekunden später erschienen drei Orte in verschiedenen Universen auf dem Bildschirm zur Auswahl. Waren das wirklich die drei Möglichkeiten für ihr perfektes Leben?

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